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Autistische Kinder machen große Fortschritte im PEFA-Projekt
Ein Jahr erfolgreiche Arbeit im bundesweit einmaligen Potsdamer Elterntraining zur Frühförderung autistischer Kinder (PEFA)         Artikel-Nr.: 3439

Nach einem Jahr zieht das bundesweit einmalige Potsdamer Elterntraining zur Frühförderung autistischer Kinder (PEFA) zum ersten Mal Bilanz. Vier Familien wurden durch gezielte Anleitung und Begleitung befähigt, ihr autistisches Kind zuhause optimal zu fördern. Derzeit läuft das zweite Jahr mit weiteren fünf Familien und 2010 startet die letzte Runde des Pilotprojektes.

„Als Mutter bin ich froh und dankbar über die enormen Entwicklungsfortschritte meines Sohnes. Durch die intensive und professionelle Betreuung sind wir als Eltern nun fähig, unsere Kinder selbst zu fördern.“ sagt Astrid Wilhelm * (Name von der Redaktion geändert), teilnehmende Mutter am PEFA-Projekt am Donnerstag während der Pressekonferenz im Oberlinhaus.

PEFA bietet den Eltern Hilfe zur Selbsthilfe. Zielgruppe des Frühförderprojektes sind Familien mit autistischen Kindern im Vorschulalter (2 bis 5 Jahre), die eine von einem externen Gutachter bestätigte Autismus-Diagnose aufweisen. Ein Jahr lang werden die Familien von qualifizierten Trainern zehn Stunden wöchentlich, verteilt auf zwei Tage, zuhause angeleitet. Zehn weitere Stunden verpflichten sich die Eltern, das Kind alleine zuhause zu fördern. Als Ergebnis der PEFA-Pilotstudie wird ein datengestütztes Frühförderprogramm vorliegen, das die „Machbarkeit“ eines intensiven Elterntrainings zu Hause aufzeigt, das sowohl praktikabel und flexibel ist als auch von den Eltern weiter eingesetzt und entwickelt werden kann. Lehrfilme, Projekthandbücher und andere Medien sollen den Einsatz dieses Programms unterstützen.

Im ersten Jahr wurden fünf Kinder und ihre Eltern gefördert. Die Kosten von rund 350.000 Euro werden von Aktion Mensch und dem Oberlinhaus gemeinsam getragen. Die Eltern berichten, dass ihre Kinder nicht nur beachtliche Lernfortschritte gemacht haben, sondern darüber hinaus viele positive Emotionen zwischen Kind und Eltern eine positive Beziehung fördern.

Das Training umfasst alle wesentlichen Lebensbereiche. Dazu gehören Blickkontakt, Berühren, Nachahmen, Spielen, An- und Ausziehen, Sauberkeit, Essen, motorische Koordination, Lern- und Arbeitsverhalten, Bilder- und Begriffslernen, spezielle Begabungen und vorschulische Fertigkeiten, Sprechen und Verstehen etc. Das Training beinhaltet auch den gezielten Abbau von unerwünschtem Verhalten, wie beispielsweise Rückzugsverhalten, Angstreaktionen und Fremd- und Selbstverletzungen.

„Die positiven Ergebnisse des ersten Jahres bestärken uns, alles zu tun, um PEFA nach der Anfangsphase auch weiterhin als Projekt zu etablieren. Das bundesweit einmalige Projekt könnte beispielhaft werden für die frühkindliche Förderung autistischer Kinder. Ziel ist es, autistischen Kindern zu einem höheren Fähigkeits- und Wissensniveau zu verhelfen und es erfolgreich in den Kindergarten, die Vorschule und die Schule zu integrieren.“, so Andreas Koch, Kaufmännischer Vorstand im Oberlinhaus.

Frühkindlicher Autismus ist durch eine qualitativ andere Entwicklung gekennzeichnet, die sich in den ersten zwei bis drei Lebensjahren zeigt. Soziale Interaktion, Kommunikation und besondere Interessen sind die meist betroffenen Bereiche. Im Land Brandenburg leben 17.800 Menschen mit der tief greifenden Entwicklungsstörung „Autistische Spektrumsstörung“.

„Wir sind froh, auch wissenschaftlich belegen zu können, dass das verhaltenstherapeutische Training sehr erfolgreich ist. Die schnell erlebbaren Erfolge bei Eltern und Kindern fördern die Bereitschaft der Eltern, intensiv zu trainieren. Die Eltern werden durch ihre Erfolge sowie die regelmäßigen Besuche motiviert, ihre Arbeit täglich fortzuführen“, erläutert dazu Renate Frost, Geschäftsführerin der LebensWelten im Oberlinhaus.

Zur Frühförderung werden in der Autismusforschung erarbeitete und empirisch überprüfte verhaltenspsychologische Therapieverfahren eingesetzt, die sowohl die besonderen Begabungen autistischer Kinder im Vorschulalter entwickeln helfen, als auch deren spezifische Verhaltensdefizite in geeigneter Weise auszugleichen vermögen. Das auf drei Jahre angelegte Projekt wird wissenschaftlich begleitet von der Psychologisch-Psychotherapeutischen Ambulanz der Universität Potsdam und dem Institut für Autismusforschung an der Jacobs University Bremen.

Bei den fünf im ersten Jahr betreuten Kindern zeigten sich nach sechs bis acht Monaten bedeutende Fortschritte. Alle Kinder kommen und setzen sich gerne an ihren Arbeitstisch, nehmen Blickkontakt zu den Eltern/Trainern auf und können inzwischen eine Vielzahl von Aufgaben in den Bereichen der Grob- und Feinmotorik lösen. Sie haben gelernt zu imitieren und Aufforderungen zu befolgen. Vier der Kinder haben das Niveau der aktiven Sprachverwendung erreicht und können ihre eigenen Bedürfnisse mindestens mit Hilfe von Zwei-Wort-Sätzen mitteilen. Sie verstehen eine einfache Kindersprache und mehr Worte als vor Projektbeginn. Sie sind neugieriger geworden, ihre Aufmerksamkeitsspanne vergrößerte sich und sie konzentrieren sich länger auf ihre Lernaufgaben. Sie freuen sich sichtlich auf ihre Belohnung, stören weniger und ziehen sich seltener autistisch zurück.

Viele Verhaltensweisen ließen sich auf den Alltag übertragen (Generalisierung), beispielsweise Tisch decken, manierlich essen, Spülmaschine einräumen, sich teilweise selbstständig anziehen, sozial zu interagieren, zum Abschied winken oder im Kindergarten mit den Gleichaltrigen zu spielen.

Erstmals zu erleben, dass ihr Kind von Außenstehenden nicht bloß befremdet betrachtet, sondern gelobt wird, und sei es für einen noch so kleinen bewältigten Schritt einer Aufgabe, stärkt auch das Selbstwertgefühl der Eltern. Indem sie selbst die Durchführung des Trainings übernahmen und rasch mit ihrem Kind therapeutisch agierten, machten sie die Erfahrung, dass sie nicht mehr nur hilflos den autistischen Verhaltensweisen ihres Kindes ausgeliefert sind. Sie können etwas Wirksames dagegen tun: ihr Kind zielführend beobachten, nach den Regeln der autismusspezifischen Verhaltenstherapie analysieren und dann nach bewährten Lernparadigmen fördern. Sie bestärken viel häufiger ihre Kinder bei spontan angemessenem Verhalten.

Insgesamt lassen sich die Kinder im Alltag besser lenken. Das Training in den Familien wird mit einem Videomitschnitt dokumentiert und das häufige Videofeedback führt zu einer Professionalisierung und Motivation der Eltern. Die Familien und das Team werden von einer Mediatorin begleitet, die Eltern und Mitarbeiter berät und versucht, frühzeitig Konflikte vertraulich zu entschärfen und eine kontinuierliche Zusammenarbeit zu erreichen.

Eine Psychologin im Autismuszentrum des Oberlinhaus ist mit der Nachbetreuung der teilnehmenden Familien beauftragt. Sie hilft bei der Entwicklung und Durchführung der Lernprogramme, kontrolliert Lernerfolge und hilft auch ganz konkret bei Antragsstellungen.

Das Projektteam leiten Dr. Helmut Ott und Claire Molnár. Studentische Kotrainer, ein Diagnostikteam mit Psychologen, Pädagogen und Heilpädagogen sowie eine Mediatorin gehören auch zum Team.

Quelle: Oberlinhaus



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